Die neun Gebetsweisen des hl. Dominikus

Dominikus war ein betender Mensch. Beten war für ihn nicht nur ein Tun, Gebet war Lebenshaltung, eine Weise seines Daseins. Gebet drückte sich bei ihm nicht nur in Worten aus, die wiedergaben, was sein Herz bewegte, sondern auch in Gesten, Bewegungen, Körperhaltungen, Lesungen im Schweigen und in seinen Predigtreisen. Dominikus betete als ganzer Mensch; bei ihm geschieht nichts im Geist, ohne dass der Leib dabei ist, und nichts geschieht im Leib, ohne dass der Geist dabei ist. Seine Biographen sprechen von drei Grundhaltungen seines Lebens: demütige Anbetung, Reue über seine Sünden und Jubel über die Barmherzigkeit Gottes. Die im Folgenden dargestellten Gebetsweisen sind nicht ein Übungsprogramm, das Dominikus entwickelt hätte, sondern seine Brüder beobachteten vielmehr, dass er in diesen Haltungen betete; manche von ihnen empfahl er seinen Brüdern, um das persönliche Gebet zu intensivieren, andere übernahmen sie von sich aus.

 

1. Gebetsweise »Ehrerbietung«

Seine erste Gebetsweise bestand darin, sich demütig vor dem Altar zu verneigen, als wäre Christus, den der Altar zeichenhaft darstellt, nicht nur in dieser symbolischen Gestalt, sondern wirklich und persönlich anwesend.

So stand Dominikus aufrecht da, neigte sein Haupt, um demütig Christus als sein Haupt zu verehren, indem er seine Wenigkeit im Lichte der Erhabenheit Christi betrachtete und sich ganz dieser Verehrung hingab.

 

 

2. Gebetsweise »Reue«

 

Oft betete Dominikus, indem er sich ganz ausgestreckt auf den Boden warf, das Gesicht der Erde zugekehrt. Dann war sein Herz von tiefer Reue gerührt, und er erinnerte sich der Worte des Evangeliums, die er oft so laut vor sich hersagte, dass man sie gut verstehen konnte: »O Gott, sei mir armem Sünder gnädig!« (Lk 18,13). Und wieder sprach er voll Ehrfurcht und Hingabe die Worte Davids: »Ich bin es, der vor dir gesündigt und ungerecht gehandelt hat« (Ps 50).

 

 

3. Gebetsweise »Buße«

 

Im gleichen Sinne und im Anschluss an das so eben beschriebene Gebet erhob er sich vom Boden und geißelte sich mit einer Eisenkette, indem er sprach: »Deine Zucht richtet mich aus aufs Ziel« (Ps 17,36). Alle Brüder sollten dies in verehrender Erinnerung an Dominikus tun, für ihre eigenen Sünden und für die Sünden derer, von deren Gaben sie lebten.

Diese Gebetsweise ist für den modernen Menschen nur schwer verständlich. Dabei handelt es sich um einen Brauch, der im 10. Jahrhundert aufkam. Die ersten Grundkonstitutionen, die noch unter Dominikus abgefasst wurden, schreiben die Selbstgeißelung nicht vor; sie wird nur als Bußakt für ganz bestimmte Fehler erwähnt.

 

 

 4. Gebetsweise »Anbetung«

 

Danach stellte sich Dominikus vor den Altar hin oder stand im Kapitelsaal vor dem Kreuz und richtete seinen Blick ganz aufmerksam auf den Gekreuzigten. Dabei machte er die Kniebeuge, oft auch mehrere hintereinander. Zu anderen Zeiten verweilte er auf seinen Knien, ganz in sich selbst versunken. Das Kniebeugen war ihm so zur Gewohnheit geworden, dass er selbst auf Reisen, in den Gaststätten nach einem beschwerlichen Tag oder auch auf dem Weg selber, wenn die anderen schliefen oder sich ausruhten, zu dieser besonderen Gebetsweise zurückfand; sie war Ausdruck seines persönlichen Dienstes der Anbetung.

 

5. Gebetsweise »Zwiesprache«

 

Manchmal stellte sich Dominikus mit seinem ganzen Körper aufrecht vor den Altar hin.Dann hielt er die Hände vor die Brust wie ein offenes Buch und verweilte so andächtig und tief versunken, als würde er tatsächlich in der Anwesenheit Gottes lesen.

Dann legte Dominikus seine Hände fest aneinander und hielt sie so verbunden vor seine Augen, ganz in sich selbst versunken; oft breitete er die Hände auch auf Höhe der Schultern aus, wie es der Priester beim Messelesen zu tun pflegt, und er schien dabei aufmerksam hinzuhören, als ob vom Altar her etwas Besonderes zu vernehmen sei.

 

 

6. Gebetsweise »Hingabe«

 

Sehr oft konnte man Dominikus dabei beobachten, wie er beim Gebet die Arme und Hände in Form des Kreuzes weit ausstreckte und dabei bemüht war, möglichst aufrecht zu stehen. Er pflegte nur dann auf diese Weise zu beten, wenn er aus einer Eingebung Gottes erahnte, dass etwas Großes und Wunderbares durch die Kraft seiner Fürbitte geschehen sollte. Die Worte der Psalmen, die jene Gebetsweise zum Ausdruck bringen, trug er jeweils mit viel Bedacht und besonderem Nachdruck vor. Wenn Dominikus so betete, dann leuchtete in ihm die Liebe Davids, das Feuer des Elias, die Liebe Christi und seine eigene Hingabe an Gott auf.

 

 

7. Gebetsweise »Sehnsucht«

 

Oft sah man Dominikus sich im Gebet in seiner ganzen Größe zum Himmel recken. Seine Hände waren über seinem Kopf hoch gestreckt, fest zusammen gehalten oder leicht geöffnet, so als wollte er etwas vom Himmel in Empfang nehmen. Dabei, so glaubte man, erhielt er von Gott für seinen Orden die Gaben des Heiligen Geistes. In solchen Momenten schien Dominikus plötzlich wie ins Allerheiligste und in den dritten Himmel entrückt. Er konnte in dieser Gebetsweise nicht lange verharren, und er war dabei so in sich gekehrt, dass es schien, als würde er von einer langen Reise zurückkehren.

 

 

8. Gebetsweise »Hören«

 

Dominikus kannte noch eine andere Gebetsweise, die er vor allem in der Zeit nach dem Chorgebet oder nach der gemeinsamen Danksagung bei Tisch pflegte. Angeregt von den Worten, die so eben im Chor oder im Refektorium gesungen worden waren, zog er sich zurück, um in sich gesammelt und in der Gegenwart Gottes zu lesen und zu beten. Er saß ruhig und öffnete ein Buch: So las er, als könnte er den Herrn selbst zu sich reden hören. Es war, als würde er mit einem Gefährten ein bewegtes Gespräch führen. Wenn er so alleine las, verneigte er sich oft vor dem Buch und küsste es, besonders, wenn es das Evangelienbuch war. Manchmal wendete er sein Gesicht ab und verbarg es in seiner Kappa. Darauf stand er auf und neigte sein Haupt; wieder ganz zur Ruhe gekommen, setzte er seine Lektüre im Buch fort.

 

 

9. Gebetsweise »Schweigen«

 

Wenn Dominikus von Land zu Land reiste, besonders, wenn er in eine einsame Gegend kam, widmete er sich ganz der Meditation, ja der Kontemplation. Er wandte sich von seinem Gefährten ab, ging ihm voran, oder öfters folgte er ihm auf Distanz, und indem er alleine dahin schritt, betete er im Gehen und lebte in der Meditation auf, als würde in ihm ein Feuer entfacht. Nach Meinung der Brüder gelangte Dominikus in dieser Gebetsweise zum Mark der Einsicht in die Heilige Schrift, sie schenkte ihm auch die Kraft und den Mut zur überzeugenden Predigt und einen vertrauten Umgang mit dem Heiligen Geist.

 

(Die Bildtafeln sind gefertigt von Sr. Caritas, Dominikanerinnenkloster Cazis, Schweiz, und befinden sich im Kloster der Missionsdominikanerinnen in Neustadt am Main.

Der Text ist entnommen aus Koudelka, Wladimir (Hg), Dominikus. Reihe Gotteserfahrung und Weg in die Welt, Freiburg - Olten, 1. Aufl. 1983)